WENN DER WINTER ZU LANG WIRD
 

Bis Weinachten geht ja alles, es ist immer was los, der Nikolaus kommt zwischenzeitlich, Kerzen werden mehr und mehr und die Stromrechnung interessiert scheinbar auch keinen, wenn man sich die ganzen bunten Lichter anguckt. Aber mit dem 1.1. wird irgendwie alles anders, die ganzen Feierlichkeiten enden abrupt mit dem letzten Kater und eine ziemliche Trostlosigkeit breitet sich aus. Irgendwie werden die Nächte noch länger und noch ungemütlicher, obwohl das reine Einbildung ist. Ab Mitte Januar trudelt dann der Anglerstammtisch langsam wieder ein, aber so richtige Gespräche kommen nicht in Gang. „Dauernd ist es dunkel und kein Ende in Sicht“, mault einer und ein anderer holt ein ellenlanges Maßband aus der Tasche und vermeldet träge: „122 Tage, 0 Stunden und 6 Minuten bis Hitra!“ Es reißt auch keinen vom Hocker, als er kurze Zeit später den 123er Schnipsel feierlich im halbvollen Ascher verglühen lässt. Die Männer gehen früh nach Hause.

Auch wir hatten unsere Multis im September schon eingemottet und uns in unser Schicksal ergeben, Norwegen erst in einem dreiviertel Jahr wieder zu sehen. Als der Herbst aber nicht mal ein paar ordentliche Hechte brachte, kam endlich mal ein vernünftiger Slogan: „Wir fahren noch eine Woche nach Norge!“ An dem Durcheinander der Einwände konnte man merken, dass wirklich alle brennend interessiert waren, aber alle so ihre Sorgen hatten. Ist doch viel zu kalt!!, Ist doch viel zu dunkel!, Ist doch viel zu windig! - Das waren die meist vertretenen Einwände, wie der KneipenTED ergab. Aber Norwegen ist nicht Alaska und ein Blick in die Website bestätigt ganz klar: Deutschland 7 – 10°, westliche Winde um 4, Bergen (Norwegen) 10 – 12°, Wind südost um 2. Nix kälter!!! Die Küste Südnorwegens profitiert direkt vom Golfstrom, der die Winter milder als die deutschen werden lässt. Auch die Tage sind in dieser Region nicht wesentlich kürzer. Der Wind kann einen auch im Hochsommer einen Strich durch die Rechnung machen, das ist höhere Gewalt. Aber man könnte sich ja eine geschützte Ecke im Fjordbereich suchen, nicht so weit von der Fähre, denn es könnte ja im Nov/Dez auch schneien. Ein ganz schlagendes Argument sind die Preise in der Nebensaison, die vor allem für die Fährüberfahrt, Haus und Boot mal eben locker die Hälfte vom Sommer betragen können. Kurzum, eine halbe Stunde später war das Abangeln nach Norwegen verlegt, um genau zu sein, nach Feste Brygger bei Bergen.

Noch easyer ging nicht! Auf der Fähre Hanstholm – Bergen, die angenehmerweise auch nicht sommerlich überfüllt war, haben wir den ersten schönen ausgedehnten Skatabend eingelegt. Es war nur ein bisschen unangenehm, mit den Bierpreisen, aber da musste eben der Flachmann herhalten und das Sixpack stand draußen sowieso wohltemperierter. Tags darauf von Bergen anderthalb Stunde nach Festaa (mit verfahren) und in Festaa 12 Novembergrade und Ententeich auf dem Fjord. So schnell wie möglich in die Boote, drei Stunden später die Dorsche abgezogen, in die Truhe geschmissen und später am Abend den Glühweinkessel auf unserer luxuriösen Terrasse angeschmissen. Man kann das Leben schön sein!! Vergessen war die Tristheit des bevorstehenden Winters. Wir konnten uns gar nicht genug gegenseitig auf die Schulter klopfen, ob unserer genialen Idee, einfach mal ’ne Woche nach Norwegen zu fahren! Irgendeiner stand an der Brüstung und warf in die (gemütliche)Runde: „Man könne doch eigentlich mal die Pietsche von hier oben – immerhin 2.Stock – ins Wasser schmeißen!“ Das war zwar richtig, aber wo jetzt Beköderung hernehmen, außer Erdbeerteig hatten wir nix bei der Hand. Also aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben!

Aber auch den Sonntag ließen wir aus. Bei strahlendem Kaiserwetter pilkten wir den ganzen Tag um die Wette. Mehr aus Spaß und von wegen ausprobieren. Keine Riesen und keine Massen, aber niemals langweilig; links ein Dorsch, rechts ein Schellfisch. Das andere Boot war wohl scheinbar doch auf einen Schwarm halbstarker Seelachse getroffen. Sie drehten eine Biege, denn den ganzen Abend Seelachse filetieren ist nicht gerade unsere Sache. Prompt zogen sie ihr Boot in unsere Driftrichtung um uns zu ärgern und fingen sofort zwei abgewachsene Pollacks vor unserer Nase weg! Da mussten wir natürlich Neugierde vortäuschen, ran fahren und vorsichtshalber Ihre Reißleine vom Außenborder verwahren. Zweimal ruderten Sie zurück, dann baten Sie uns, den Abwasch übernehmen zu dürfen. So ging das den ganzen Tag auf dem weiträumigen Gebiet, immer auf Tiefen über 10 bis 80 Meter, mal auf Steinen, mal auf Sand, mal auf Felsen, mal auf Lehm. Dorsche standen verhältnismäßig tief, bei 40 bis 60, Schellfisch und Pollack bei 30 bis 40 und flacher war es direkt eine Plage mit den Wittlingen. Zwischendurch auch mal ein Plattfisch, ein Knurrhahn, eine Makrele und all sowas. So ganz auf die Lockere die ganze Palette. Nur das Filetieren war nicht mehr ganz so locker. Als wir uns die Bäuche vollgeschlagen hatten, war es halb zehn und keiner wollte mehr aufstehen. Also nächsten Tag vom Balkon angeln!!

Ich merke aber gerade, dass ich die Geschichte zu sehr in die Länge ziehe. Also lassen wir mal die Details von dem ganzjährigem Heringsstamm, den drum herum vagabundierenden Meerforellen, dem Lachsaufstieg im Spätsommer, den vielen flachen Plattfischbuchten, dem Laichdorsch und Schellfisch im zeitigen Frühjahr, dem Forellenbergsee unweit der Anlage, den Rotbarschen, Lengs, Lumbs, Haien, Walen und Nessies. Wir hatten Spaß, wir hatten sogar sehr viel Spaß!! Und das nicht nur wegen der guten Dorsche. Wir hatten nämlich unsere richtige Fischüberraschung am Glühweinkessel. Ist kein Witz! Mit Thermojacke draußen auf der Terasse, Ruten mit Knicklicht in der Spitze an die Brüstung, Plattfischvorfach, Heringsfetzen und rund 40 Meter weit und 25 m tief fingen wir..., nein, nicht nur Wittlinge und Schellis, sondern Aale! Im November! Und keine kleinen! Und ohne viel Hänger. Als ich unserm total netten Vermieter den ersten knapp 80er Aal unter die Nase halte, sagt der zu mir: „Den kannst Du nicht essen!“ Wörtlich!!! Man lernt eben nicht aus...

P.S. Nächstes Jahr Silvester ist die Anlage schon ausgebucht. Tut mir leid!

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